Bürger zweiter Klasse

Erwartungsgemäß ist es in dem Containerdorf Am Kuhlenkamp in Bochum-Weitmar zu Auseinandersetzungen mit den Anwohnern gekommen. Diese werden durch fortwährende Lärmbelästigungen um ihre nächtliche Ruhe gebracht. Weil die Bürger auch noch die Unverschämtheit besaßen, dies im Internet öffentlich zu machen, hat die Stadt nun Strafantrag gestellt. Gleichzeitig wird den Anwohnern unterstellt, sie hätten an Baumaschinen manipuliert, die für die Einrichtung des Containerdorfes eingesetzt wurden. Dem Bauunternehmer wurde von Seiten der Stadt nahegelegt, ebenfalls Strafanzeige zu erstatten.

Die Verwaltungsspitze der Stadt hat von Anfang an das nötige Fingerspitzengefühl bei der Planung und Umsetzung der Flüchtlingsunterbringung vermissen lassen. Ungeeignete Standorte, mangelnde Bürgerbeteiligung und -information, Ungleiche Verteilung innerhalb des Stadtgebietes und zu große Einheiten sind berechtigte und nachweisbare Vorwürfe an die Stadt. Wenn sich nun die Bürger zu Recht beschweren, sollen Sie durch Strafanzeigen mundtot gemacht werden.

Noch vor wenigen Tagen hatten sich Flüchtlinge geweigert eine Turnhalle zu räumen, um in eine andere Unterkunft verlegt zu werden. Mit ihnen rang die Verwaltungsspitze tagelang um einen Kompromiss, der dann unter unbekannten Zugeständnissen erreicht wurde. Gleiche Geduld und Kompromissbereitschaft legte die Stadtspitze bei der widerrechtlichen Besetzung des Rathausvorplatzes durch Flüchtlinge vor einigen Wochen an den Tag. Bochumer Bürger haben es hingegen nicht so gut. Sie sind Bürger zweiter Klasse.